Ein rasanter Lesespaß mit einem atemberaubenden Endspurt

Kaum kehrt nach den letzten schrecklichen Ereignissen wieder Ruhe in Schorschs Leben ein, wird Heriberts Labor zerstört und sein gesamtes Lebenswerk gestohlen. 

Die Suche führt die beiden Freunde über den halben Kontinent, und schneller als er „Polynesisches Punanipumpen“ sagen kann, findet sich Schorsch zwischen den Fronten zweier mächtiger Verbrecherorganisationen wieder. In dem ganzen Durcheinander hat er eine Erscheinung, die alles für ihn und seine Gefährten ändert. 

Ein letztes Mal raufen sie sich für eine Rettungsmission zusammen und haben keine Ahnung, dass das größte Abenteuer ihres Lebens auf sie wartet.

 

Diesmal beschreibt Ulli Weckenmann, der Maestro des Gerade-Noch-Geschmackvollen, das Treiben außerhalb der Grenzen vom Süddeutschland der Zukunft.

Er spendiert uns dort ein Wiedersehen mit einem couragierten aber friedfertigen Schwaben, der reichsten und heißesten Frau der Welt, einem rothaarigen Bumsbot, afroskandinavischen Kampfschwestern, einem schuftigen Türkisen und vielen anderen skurrilen Figuren.

Wie es sich für den Abschluss eines Mehrteilers gehört, dreht er Spannung, Spaß und Fantasie nochmal auf Elf, bis sein kecker Kämpe in Ruhe einen Stonsdorfer genießen kann. 

 

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Ein glitzekleines Versucherle


 Ihre letzten entsetzlichen Unaussprechlichkeiten haben sich wie blasphemische Ungeheuer in die schimmligen Ecken des Raumes verkrochen und endlich belästigt nur noch der Gestank von ranzigem Schweiß und altem Alkohol meine Sinne. 

Sie geht zu einer der Wandblasen, die ihre Recherchen enthält. »Na gut, nehmen wir an, ich glaube dir und schmeiße dich nicht aus dem Fenster. Wie ist dein Plan?« 

Ich zucke überrascht mit den Schultern. »Ich habe keinen Plan. Du bist die Spezialistin für sowas. Aber ich denke, als Erstes solltest du Edeltraud mit ins Boot holen. Dann macht ihr euer Ding und rettet Irmtraud.«

Jetzt sieht sie mich wieder an, als wäre mein Fenstersturz noch nicht ganz vom Tisch. »Die hilft mir nicht. Die hängt am Rockzipfel ihrer Herta und macht Buttermilchscheiß. Die Zeit kann ich mir sparen. Ich muss nur rauskriegen, wo Tillmann ist, dann gehe ich da hin, haue alle um und hole Irmi raus.«

»Kein schlechter Plan, Waltraud. Die Einfachsten sind ja sowieso immer die Besten. Aber du alleine gegen die Satanischen 66?«

Sie verschränkt wieder die Hände und setzt sich mit ihrem typischen Kneifzangen-Blick, den ich überraschenderweise vermisst habe, in ihren Sessel. »Kacke.« 

»Edeltraud dazu zu holen erscheint mir ein logischer erster Schritt. Vielleicht habt ihr noch alte Connections, die euch helfen, Tillmann zu finden.«

»Was sollen wir haben?«

»Emil will sicher auch mitmachen.«

Sie schüttelt den Kopf. Die Holzbällchen an ihren Zöpfen klappern. »Der repariert die Zäune auf der Nordweide.«

»Was macht der?«

Es klopft. Ziemlich unwirsch und laut. 

»Was!« Genervt springt sie auf und ist mit zwei Schritten an der Türe. 

Schultheiß Ignaz steht dort in voller, unappetitlicher Größe. 

Er füllt den Türrahmen sowohl in der Breite als auch in der Höhe so aus, dass er mit Sicherheit nicht ohne Reibung hindurch kommen würde. »Du Pfeife! Was war das für eine dämliche Idee, gestern vor dem Kampf zu saufen? Hast du eine Ahnung, was mich das gekostet hat?« Seine Stimme ist so kräftig und laut, dass die Blasen an der Wand kleine Wellen schlagen. 

Ich bleibe mal besser im Hintergrund, weil fiese Typen umhauen, doch eher Waltrauds Ding ist. 

Anstatt ihm ihre Faust ins fleischige Antlitz zu pflanzen, versucht sie es tatsächlich erst mal mit reden. Sie benutzt drei Worte, von denen ich nie geglaubt hätte, dass sie jemals über ihre Lippen kommen.

»Tut mir leid.«

Der fette Kopf wird dunkelrot. »Ach so. Dann ist ja alles klar. Denn es tut dir ja leid. Was für eine Erleichterung.« Er hebt eine Hand so groß wie ein Klodeckel und zeigt direkt auf ihre Nase. »Du wirst heute Abend zehn Runden durchhalten und wenn dich Wotan dabei zu Brei schlägt. Lass dir bloß nicht einfallen, vorher auf die Bretter zu gehen.«

Sie hebt den Finger wie in der Schule. »Darf ich noch etwas sagen?«

Ich erkenne Waltraud nicht wieder.

»Was?« 

Die Wandblasen wackeln. 

»Ich kündige, du Arschkopf.« 

Damit dreht sie sich um und rast auf mich zu. 

Ich stehe unvorsichtigerweise genau vor dem Fenster. Sie packt mich in vollem Lauf und springt mit mir voran durch die Scheibe. Ich brülle, so laut ich kann, während wir in einer Wolke aus Glasscherben durch die Luft segeln. Waltraud hält sich weiter an mir fest. Ich bin ihr Polster, wenn wir unten aufschlagen. Es bleibt nicht mal Zeit, sie zu verfluchen, denn ich knalle mit dem Rücken auf etwas Weiches. Es fühlt sich an, als wäre ich auf einem riesigen Luftballon gelandet. Der Trampolineffekt schleudert uns aber gleich wieder durch die Luft. Waltraud lässt los. Ich lande rücklings, weniger hart wie befürchtet, auf dem Rasen. Der Aufschlag fühlt sich trotzdem an, als würden mir die Rippen aus der Brust springen. Aus dem Augenwinkel sehe ich, wie Waltraud sich geschmeidig abrollt und sofort wieder auf die Füße kommt. Sie läuft zu mir her und zieht mich hoch.

»Bist du wahnsinnig?« Ich will laut brüllen, aber ich piepse nur atemlos. Ich stehe mit der Front zum Keilereienkeller und sehe davor ein Schwammmobil, das vor dem Eingang geparkt hat. »Hast du gewusst, dass das da ist?« Ich zeige mit zittrigen Fingern darauf. »Das war vorhin nicht da.« Mein Piepsen ist zu einem heiseren Flüstern angewachsen.

In dem zerstörten Fenster, hoch über uns, erscheint der mächtige Oberkörper von Schultheiß Ignaz.

»Habs vermutet«, knurrt Waltraud und zieht mich mit sich. 

»Du solltest jetzt besser schnell laufen.« Die brüllerprobte Stimme verfolgt uns über den ganzen Platz. »Denn wenn ich dich kriege, sind deine Beine nicht das einzige, was ich dir breche.«

Andere aufgeregte aber viel leisere Rufe gesellen sich dazu. Dabei vergisst man natürlich nicht, Waltrauds ehemaligen Dienstgrad zu erwähnen und diesen mit Schimpfwörtern zu ergänzen. Wir hasten die enge Gasse zum Sprungpunkt-Platz entlang. Hinter uns hören wir das Schnaufen unserer Verfolger. Der Nubische Drilling ist furchtbar schnell. Ich muss alles geben, um Schritt zu halten. Trotzdem holen die Stimmen auf. Wir überqueren den schlecht gepflegten Rasen. Als wir die Mitte erreicht haben, versuche ich, einen Blick nach hinten zu werfen. Zwei Männer laufen aus der Gasse heraus. 

In dem Augenblick hält Waltraud vor mir an. Ich knalle auf sie drauf. Wir schaffen es nur knapp, auf den Beinen zu bleiben.

»Scheiße. Ignaz hat mit sowas gerechnet.« Sie zeigt zum Sprungpunkt. Von dort stürmen auch zwei Männer auf uns zu. »Kannst du noch diesen Ausweichscheiß?«

»Habs nicht verlernt.«

»Dann mach das mit den Kotztüten hinter dir. Versuch, so viel Zeit zu schinden, wie du kannst.« Und schon rast sie auf die Männer vor uns zu.

Die beiden Verfolger ziehen die Fäuste auf und sind nach wenigen Schritten bei mir. Der Erste fliegt vom eigenen Schwung getragen an mir vorbei, weil ich rechtzeitig ausweiche. Der Zweite bremst, versucht rechts anzutäuschen, schlägt aber mit links zu. Solche Finten sehe ich inzwischen kommen. Ich schaffe es sogar, ihm den Fuß wegzuhauen, während ich seinen Hieb ins Leere gehen lasse. 

Bloßes Umfallen setzt diese Typen natürlich nicht außer Gefecht. Schon rappeln sie sich wieder auf. Ich hole tief Luft. Die Gitarre beginnt in meinem Kopf zu singen. Ich atme aus. 

Waltraud hat den ersten ihrer Gegner ausgeknockt. Er liegt wie zusammengefaltet auf dem Boden. Sein Kollege versucht sich mit Händen und Füßen gegen die wildgewordene Afrikanische Natter zu behaupten.

Meine beiden Schläger dreschen auf mich ein. Oder sie versuchen es wenigstens. Sie beginnen laut zu fluchen, weil sie nur Luft treffen. Mittlerweile habe ich das ganz gut drauf. Ich kann mir sogar leisten hier und da Fußtritte auszuteilen. Ich erwische von einem das Schienbein. Der heult entrüstet auf, geht in die Knie und hält sich die schmerzende Stelle. Sein Kumpel schlägt mit seinen Fäusten nach mir. Ich tänzle lächelnd um ihn herum. Er versuchts wieder. Ich tänzle zurück. Zu spät fällt mir ein, dass da noch irgendwo der andere kniet und sein Schienbein reibt. Ich kippe rückwärts über ihn drüber. 

Der heult überrascht auf und lässt sich mit seinem ganzen Gewicht auf mich fallen. »Dir zeig ichs. So kämpft kein Mann.«

Sein Kumpel lacht böse. Seelenruhig stellt er sich neben meinen Kopf. Ich versuche, frei zu kommen, aber die Last ist zu schwer. Er zieht den rechten Fuß auf. 

Ich will die Augen schließen und kann es nicht.

Ein schwarzer Arm in einem verschlissenen Pullover schlingt sich um seinen Hals. Er wird herumgewirbelt und eine schwarze Faust kracht in sein Gesicht. Er hebt ein paar Zentimeter ab, bevor er auf dem Rasen landet und sich nicht mehr bewegt. Der, der auf mir liegt, wird hochgezogen. Ein Knieschlag in die Weichteile setzt ihn noch unrühmlicher außer Gefecht, als durch meinen Schienbeinstoß. 

Das hat er jetzt davon.

Waltraud reicht mir die Hand und zieht mich hoch. »Schlaf nicht ein.«

»Danke, dass du meinen Kopf davor bewahrt hast, wie ein Fußball über den Platz zu fliegen. Aber nochmal zu dem ungesicherten Fenstersprung vorhin …«

»Beweg dich. Da kommen gleich noch mehr.« 

Als wir die Türen unserer Kabinen öffnen, nicke ich ihr zum Abschied zu. »Ich wünsch dir viel Glück mit Edeltraud und hoffe wirklich, dass ihr Irmtraud findet.«

Sie sieht mich böse an. »Was soll das heißen? Du kommst schön mit.« Sie drückt sich an mir vorbei in meine Kapsel und tippt auf dem Eingabefeld rum.

Ich sehe sie verständnislos an, während sie in ihre eigene Kabine steigt. »Ich wüsste nicht, wie ich euch da helfen könnte.« Ich zeige auf die Männer, die überall herumliegen. Nicht einer von mir erledigt.

»Du hast sie ja nicht alle, wenn du glaubst, dass ich alleine zurück in dieses Irrenhaus gehe. Keine Widerrede jetzt.« 

Ihre Kabinentüre knallt laut und endgültig zu.

Ich will gerade die Koordinaten auf meinem Eingabefeld ändern, als ich wieder Schreie und Rufen höre. Ein ganzes Rudel von Schlägertypen quillt aus der Gasse heraus. Ich ziehe die Kabinentüren zu. Durch die Wand dringen Waltrauds Flüche. Das ist ihre natürliche Reaktion auf den Lustgewinn durch die Vibrationen. Bei mir sollte es auch gleich losgehen. Zehn Sekunden vor einem Sprung verriegeln sich die Türen automatisch und keine Macht der Welt kriegt sie mehr auf. Eine Sicherheitsfunktion, die mir jetzt sehr willkommen ist.

»Befriedigung lieber Sprunggast! Ihr letzter Sprung war vor vierundvierzig Minuten und zehn Sekunden. Die aus Gesundheitsgründen verordnete Pause bis zu ihrem nächsten Sprung beträgt jedoch fünfundvierzig Minuten. In fünfzig Sekunden geht es wieder weiter.« Und wie zum Hohn ertönt ein Glockenspiel, das Cherry, Cherry Lady intoniert.

Das Gebrüll von draußen ist schon näher. »Eine Kapsel ist noch hier!« Und richtig warm wird mir, als ich höre: »Los, hängt die Gemarkungsverräter auf!«

Ich schnappe mir die Klinke und halte die Türe zu, während ich auf die rote Anzeige starre, auf der viel zu langsam die Zeit herunter zählt. Das Display zeigt noch vierzig Sekunden an. Die Stimmen draußen werden lauter. Jetzt reißt man mit großer Kraft an der Türe. 

Zum Glück sind die Griffe klein, sodass nur ein Mann dran ziehen kann. Aber der ist sehr kräftig. 

Noch dreißig Sekunden. 

Meine Hände sind schweißnass. Ich stelle den Fuß auf den Türrahmen neben die Klinke. Das gibt mir kurze Zeit einen Vorteil, aber mein Gegenüber macht das jetzt auch. Ein Spalt öffnet sich. »Gleich haben wir dich, du Ratte.«

Zwanzig Sekunden.

Ich biege den Oberkörper nach hinten, ziehe mit aller Kraft, während ich gleichzeitig meinen Fuß an den Rahmen drücke. Und tatsächlich schließt sich der Spalt wieder. 

Fünfzehn Sekunden. 

Die Männer fluchen und hämmern gegen die Türe. Die Anzeige wechselt von Elf auf Zehn und es macht endlich »Klack« im Schloss. Ein Schmerzensschrei erfüllt die Kabine, als ich den Türgriff loslasse und so meine Muskeln zu schnell entlaste. Ich stürze nach hinten und rutsche an der Wand herab.

Es hört sich an, als würden die Fäuste einer ganzen Armee gegen die Kabinentüre schlagen.

»Luftsprung wünscht Ihnen ein befriedigendes Sprungerlebnis!«